Die Kunst des Journalismus: Phantasievoll und farbig formulieren

„Die Kommission zur Begutachtung der Auswirkungen des neuen Gesetzes zur Bekämpfung der Scheinselbständigkeit hat ihre Arbeit aufgenommen.“ Mit einem Seufzer faltet Ludmilla Leser ihre Zeitung zusammen und legt sie in die Ecke: „Wieder mal total langweilig!“
Viele Leserinnen und Leser sind mit ihrer Zeitung unzufrieden, weil ihnen die trockene und wenig mitreißende Schreibe nicht gefällt. Wie aber können Journalisten ihr Publikum erreichen? Wie können Zeitungsmacher ihr Produkt interessant und zugleich informativ gestalten? Wie schreibt die Redaktion ihre Geschichten „farbig“?
Medien informieren über Neuigkeiten. Damit befriedigen sie die Neugier ihrer Leserschaft. Neugier muss aber auch erkennbare Triebfeder journalistischer Arbeit sein.
Was vor hundert Jahren noch das persönliche Gespräch im Dorf erledigte, das ist heutzutage Aufgabe der Zeitung online oder auf Papier: Sie vermittelt Informationen über das aktuelle Geschehen oder wichtige Hintergründe, Klatsch und Tratsch oder dient dem Austausch von Meinungen und Einschätzungen. Dieser Aufgabe kommt der allgegenwärtige Trend zur „Boulevardisierung“ der Medien entgegen.
Häufig verkürzt er jedoch den Informationsgehalt zugunsten der Unterhaltung. Tatsächlich kann man aber informativ und zugleich unterhaltsam schreiben, wenn man seiner Nachricht menschliche Züge verpasst.
Viel zu selten beschreiben Journalisten die Auswirkungen eines neuen Gesetzes, indem sie Menschen vorstellen, die davon betroffen sind. Statt des Geplänkels zwischen Koalitionspolitikern wäre jedoch genau diese Herangehensweise wichtig, um der allgemeinen Politikerverdrossenheit informativen und zugleich spannenden Journalismus entgegenzusetzen.
Tiefkühlkutscher Klaus Kaltmann kann seine Arbeitsbedingungen so plastisch darstellen, dass das Ziel des Gesetzes deutlich wird: Von einem einzigen Auftraggeber abhängige Scheinselbständige sollen wie angestellte Arbeitnehmer versichert werden. Kaltmann kann auch berichten, wie sein Auftraggeber ihn unter Druck setzt, damit die Firma keine Sozialabgaben für ihn abführen muss.
Außerdem kann er auf Heller und Pfennig vorrechnen, was er unter dem Strich verdient und wie lange er dafür arbeitet. So werden gesetzgeberische Entscheidungen konkret.
Ihre Auswirkungen auf die Menschen dahinter werden sichtbar. Verschleiernde Wortschöpfungen der Politiker werden demaskiert. Schwierige Sachverhalte bekommen so eine verständliche Form.
Sprache muss ansprechen: Einfach und trotzdem niveauvoll sollte die Sprache sein, die einen Artikel zur vergnüglichen Lektüre macht. Zweifellos ist es notwendig, dabei auf unnötige Fremdwörter und Schachtelsätze zu verzichten.
Passivsätze sollte man nach Möglichkeit durch Aktiv-Formulierungen ersetzen. Gelegentliche Wechsel in der Satzstellung machen das Lesen spannender, denn Objekt-Prädikat-Subjekt ist auch erlaubt.
Auch passende Adjektive und Adverben können einem Satz Schwung und Farbe verleihen. Vermeiden sollte man allerdings Tautologien wie das „tiefe Tal“ und abgedroschene Phrasen, die „keinen mehr vom Hocker reißen“.
Geschriebene Texte sollten sich nahe an gesprochene Sprache anlehnen. Jeder Satz sollte so einfach und deutlich sein, dass man ihn auch laut vorlesen kann, ohne dabei ins Stocken zu geraten.
Sprachspielereien können einfachen Sätzen dennoch Glanz und Niveau verleihen. Ein starker Stabreim oder ein verblüffender Vergleich sind der Schuss Likör in den Morgenkaffee der täglichen Zeitungslektüre.
Gefährlich sind aber übertreibungen oder selbstverliebtes „Totreiten“ eines gelungenen Einfalls durch häufige Widerholungen. Besonders beliebt ist dieser aufgeplusterte Stil in Feuilletons. Ein Arbeitszeugnis könnte das so kommentieren: „Man hat sich bemüht…“
Allzu bemühte Zeilenschinderei nervt. Wiederholungen eines Sachverhalts im Text sollten die Ausnahme sein. Lesende fühlen sich sonst vielleicht für dumm verkauft.
Ebenso nervt weitschweifiges Herumschwadronieren. Meist zeugt es von selbstverliebter Egozentrik des jeweiligen Autors.
Wissenschaftliches Schreiben verlangt vorab die Eingrenzung des Themas. „Im folgenden wollen wir das Thema Gummibärchen näher beleuchten“. Diese Schreibweise führt fast zwangsläufig zu Wiederholungen und aufgeblähten Texten.
Journalisten sollten deswegen direktes Zupacken und einen szenischen Einstieg bevorzugen: „Eltern fürchten sie; Kinder lieben sie; Zahnärzte verdanken ihnen viel: Gummibärchen sind eines der beliebtesten Hindernisse kindlicher Zahngesundheit.“
Möglichst viel Spaß muss die Lektüre machen, ohne dass man dabei das Hirn abschaltet. Gutgelaunt und besser informiert muss der Leser die Zeitung hinterher weglegen.
Ein Journalist sollte bei seinen Lesern nicht allzuviele Vorkenntnisse voraussetzen. Vielmehr sollte er von einer durchschnittlichen Bildung ausgehen.
Manche Artikel setzen aber Wissen voraus, das kaum jemand haben dürfte. Manchmal werden die Ereignisse nicht nach dem Prinzip der „6 W – Wer, wann, wo, was, wie, warum – dargestellt, sondern die Widergabe einer Nachricht beschränkt sich auf drei oder vier dieser W-Fragen.
Häufig kommen das „Wie“ und „Warum“ in einem Bericht zu kurz. Eine knappe Wiedergabe der Vorgeschichte erspart Lesenden aber die Mühe, in alten Ausgaben nachzublättern oder im Internet zu recherchieren.
Immer wieder sprechen Medienmacher von ihrem Publikum im Singular: „Der Leser weiß, will, erwartet…“ Weil sie ihre Leserinnen und Leser kaum kennen, erstellen die meisten Redakteurinnen und Redakteure Produkte für den eigenen Geschmack, oder aber sie halten ihre Leserschaft schlichtweg für dumm. Peinlich wird es, wenn ein Leser das merkt.
Leser ernst zu nehmen, heißt, ihnen die Fakten ohne die große Schöpfkellle der eigenen Weisheit zu vermitteln. Ein belehrender Ton stößt ab.
Vereinfachung ist nicht immer einfach. Einfach soll die journalistische Darstellung sein und dennoch nicht primitiv. Die Aufgabe der Journalisten ist die eines Dolmetschers, der komplizierte Sachverhalte in eine verständliche Sprache „übersetzt“.
Verkürzungen sind zwangsläufig unvermeidbar. Die Kunst liegt in dem Geschick, komplexe Tatbestände zu vereinfachen, ohne sie falsch darzustellen.
Hilfreich ist der rote Faden, der als unaufdringlicher Wegweiser durch die Informationen leitet. Knüpfen kann der Autor ihn aus einer Struktur von Fakten, die logisch aufeinander aufbauen. Fragen, die der Text aufwirft, muss er kurz darauf auch beantworten.
Bester Beitrag zu einem gelungenen Text ist ein origineller Titel, der neugierig macht auf den nachfolgenden Artikel. Wünschenswert wäre, wenn er die Leser gleich zu Anfang packte und bis zum Ende nicht mehr losließe.
Zeitdruck ist das größte Hindernis bei der Verwirklichung dieser Vorstellungem. Journalismus erfordert Schnelligkeit, handwerkliche Kenntnisse, Erfahrung und Geschick ebenso wie kreative Eingebungen.
Wer sein Handwerk nicht beherrscht, dem nützt alle Kreativität nichts. Doch ohne den einschlagenden Einfall bleibt mancher Text trocken und grau wie das Papier, auf dem die Zeitung gedruckt ist.

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