Nachrichtenwert: Aktualität, Nähe, Prominenz, Ausmaß und Konflikt

Über den Nachrichtenwert lässt sich trefflich streiten. Letztlich ist die Einschätzung immer subjektiv, was jemand für berichtenswert hält. Dennoch gibt es einige Kriterien, die auf den Nachrichtenwert eines Ereignisses hindeuten.
Die wichtigsten Faktoren sind ddabei Aktualität, Ausmaß und Konfliktpotenzial des betreffenden Ereignisses, seine räumliche Nähe oder Entfernung, die Prominenz der beteiligten Personen, Häufigkeit und Erwartbarkeit des Eintritts derartiger Vorkommnisse sowie die mögliche Betroffenheit der Lesenden, Zuhörenden oder Zuschauenden. Je mehr dieser Faktoren zusammen auftreten, umso eher kann man ein Interesse der Menschen an einer entsprechenden Nachricht vermuten.
Was nicht aktuell ist, das besitzt auch keinen Nachrichtenwert mehr. Für tagesaktuelle Medien gilt die Faustregel, dass Nachrichten, die mehr als zwei Tage alt sind, „abgefrühstückt“ sind: Man hätte sie beim Frühstück schon in der Tageszeitung gelesen haben können.
Das Ausmaß eines Ereignisses spielt eine wichtige Rolle für den Nachrichtenwert: Sind von einem Ereignis Hunderte oder Tausende betroffen, ist es von höherem Interesse als wenn beispielsweise nur ein Mensch verletzt oder getötet wurde. Ist eine große Menge Chemikalien ausgetreten, ist der Nachrichtenwert höher als bei geringen Mengen.
Noch wichtiger ist das Konfliktpotenzial des Ereignisses: Gewaltaten erregen größeres Interesse als friedfertiges Verhalten. Droht ein Bürgerkreig oder Krieg, so ist die Nachricht darüber von höchstem Interesse.
Die räumliche Nähe verstärkt dieses Interesse noch: Eine Gewalttat in der eigenen Umgebung erregt die Menschen mehr als ein Krieg in fernen Ländern. Kriegsgefahr in Europa beängstigt Menschen in Europa mehr als ein Krieg in Afrika oder Asien.
Ein weiterer Gesichtspunkt bei der Feststellung des Nachrichtenwerts ist die Prominenz der beteiligten Personen: Stirbt ein Prominenter, ist das immer eine Meldung wert. Die sogenannte „Yellowpress“ mit ihrer Berichterstattung über das Privatleben von Promis begründet ihr Geschäftsmodell fast vollständig auf diesem Faktor.
Allzu häufiges Eintreten eines Ereignisses mindert seinen Nachrichtenwert: So erfahren Verkehrstote in der Regel kaum noch eine ausführlichere Berichterstattung, weil der Tod im Straßenverkehr alltäglich eintritt. Dageben sind Tote bei einem terroristischen Attentat immer eine Eilmeldung wert.
Überraschende Ereignisse erhöhen den Nachrichtenwert hingegen: Gewinnt ein Außenseiter ein Fußball- oder Tennisturnier, so ist die Nachricht meist sehr viel ausführlicher als bei einem Sieg des langjährigen Champions. Stellt Horst Seehofer sich hinter die Kanzlerkanidatur von Angela Merkel, so ist das eher eine Schlagzeile wert, als wenn er wieder einmal eine „Obergrenze für Flüchtlinge“ fordert.
All diese Faktoren laufen letztlich auf eine mögliche Betroffenheit der Leserschaft hinaus. Alles, was tief in den Alltag vieler Menschen eingreift, ist für sie eine wichtige Nachricht.
Gerade dieser letzte Punkt sollte im Zentrum der Berichterstattung stehen. Das journalistische Berufsethos stellt ja die wahrheitsgemäße Information über gesellschaftlich relevante Vorgänge und die Aufklärung der Menschen über deren Hintergründe in den Mittelpunkt. Prominenz hingegen ist oft nur eine willkommene Möglichkeit, wichtige Ereignisse interessant darzubieten, indem man das allgemein vorherrschende Interesse an Menschen nutzt.
Die Auswahl von Nachrichten erfolgt indes häufig gar nicht in den Redaktionen, sondern zunächst bei den Presseagenturen. Was die Deutsche Presseagentur (DPA) als „Eilmeldung“ weiterleitet, das gilt allein schon wegen dieser Einstufung als wichtige Nachricht. Neben der DPA sind es vor allem Pressestellen von Parteien, Behörden, Organisationen und Firmen, die die Redaktionen mit Nachrichten versorgen.
Gerade bei Pressemitteilungen besteht aber Anlass zu Skepsis: Wenn beispielsweise die „Alternative für Deutschland“ (AfD) eine Pressemitteilung mit hohem Konfliktpotenzial verschickt, in der sich einer ihrer Spitzenpolitiker mit unerwarteten Aussagen hervortut, dann zielt dieser überraschende Tabubruch absichtlich auf einen Missbrauch der Kriterien für den Nachrichtenwert ab. Deshalb sollte man „nicht über jedes Stöckchen springen, das die AfD hin hält“, forderte Katharina Nocun am 27. Oktober 2016 in Marburg zu Recht.
Ihre gesellschaftliche Verantwortung verlangt von Medien sowohl die kritische Überprüfung des Wahrheitsgehalts einer Nachricht als auch eine Hinterfragung ihres Nachrichtenwerts. Qualitätsjournalismus erweist sich letztlich durch die sorgfältige Abwägung der Frage, ob und wie man eine Nachricht veröffentlicht. Dabei spielt neben den klassischen 6 W auch das Woher und die Frage eine Rolle, wem die Veröffentlichung möglicherweise nutzen könnte.

Ein Kommentar zu “Nachrichtenwert: Aktualität, Nähe, Prominenz, Ausmaß und Konflikt

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