Auf Krawall gebürstet: Medien machten AfD-Aufstieg möglich

Die bevorstehende Bundestagswahl wirft ihre Schatten voraus. Dunkle Schatten sind das, erfüllt von finsteren Vorahnungen.
Wahrscheinlich wird die sogenannte „Alternative für Deutschland“ (AfD) in den 19. Deutschen Bundestag einziehen. Mit ihr werden Abgeordnete ins Parlament kommen, die die Existenz der Bundesrepublik oder sogar den Holocaust leugnen und die Menschen wie Müll „entsorgen“ möchten. Hass und Hetze drohen den Debatten der gewählten Volksvertreter ebenso wie die Verschiebung der Grenzen des „Sagbaren“ bis weit hinein in unsägliche Positionen aus den finstersten Jahren deutscher Geschichte.
Öffentliche Kollegenschelte gehört sich eigentlich zwar nicht, aber der Hinweis auf die Mitverantwortung vieler Medien an dieser Entwicklung ist unerlässlich. Insbesondere Fernsehtalkshows haben dabei eine überaus unrühmliche Rolle gespielt.
Ein „Konflikt“ als eines der Merkmale des Nachrichtenwerts hat die Verantwortlichen vieler Talkshows mehr gereizt als ihre Verantwortung für die Demokratie und eine menschenfreundliche Diskurskultur. Krawall stand für Quote und damit für den Erfolg ihrer Sendungen. So luden sie häufig immer die selben Krawallmacher ein und verschafften ihnen eine prominente Bühne für ihre unsägliche Hetze.
Wurde die angebliche „Moral-Keule Auschwitz“ des Schriftstellers Martin Walser in seiner Rede zur Friedenspreis-Verleihung bei der Frankfurter Buchmesse 1998 von vielen Journalisten noch kritisch hinterfragt, so erhielt das damalige Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarazzin für seine kruden Thesen und ihre Zusammenfassung in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 allzu viel mediale Aufmerksamkeit. Damit machten die Medien nicht nur Werbung für dieses Machwerk, sondern beteiligten sich zugleich an der allmählichen Verschiebung der Grenzen des öffentlich Sagbaren. Auf Sarazzin folgten bald Lutz Bachmann und Tatjana Festerling von Pegida sowie Bernd Lucke, Frauke Petry, Björn Höcke, Alexander gauland und Alice Weidel von der AfD.
Die Medien in ihrer Gesamtheit haben mit dazu beigetragen, die sogenannte „Alternative für Deutschland“ (AfD) hoffähig und letztlich wählbar zu machen. Totschweigen konnten sie sie zwar nicht, aber ständig überallhin einladen hätten sie sie auch icht müssen. Zumindest sind die meisten Medien über fast jedes Stöckchen gesprungen, das die AfD ihnen hingehalten hat.
Bewusste Tabubrüche waren und sind die gezielte Strategie der AfD, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Öffentliche Erregung ist das Gleitmittel, mit dem diese populistische Partei zu ihren Wahlerfolgen gelangt. Provokation und anschließendes Dementi eröffnen den Provokateuren gleich zweimal Zugang zu den Nachrichten, weil „Konflikt“ ja einen hohen Nachrichtenwert verspricht.
Wer dieses Spiel durchschaut, muss sich die Frage stellen, wie verantwortungsbewusste Journalisten mit einem solchen Missbrauch der Medien umgehen sollten und wann ein Tabubruch wirklich öffentliche Aufmerksamkeit verdient. Die Antwort auf diese Frage ist allerdings nicht leicht. Aber der richtige Weg ist eine ausgewogene Mischung aus stoischer Missachtung und strafender Verachtung.
Vor Allem aber müssen Medien aufklären. Aufklärung tut not über die Greuel des Faschismus, die menschenverachtende Haltung hinter dem Holocaust und der Euthanasie sowie einer mörderischen Kriegspolitik.
Doch statt der Vermittlung von Inhalten neigen viele Medien zur Personalisierung. So wichtig zwar die Sichtbarkeit von Menschen hinter politischen Entscheidungen ist, so wichtig ist zugleich die Erklärung der Hintergründe und Auswirkungen solcher Entscheidungen. Dabei haben viele Journalisten leider aber kläglich versagt.
Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten werden vielerorts „Faktencheck“-Redaktionen gegen sogenannte „Fake News“ angepriesen. Dabei sollte die solide Absicherung der Sachgrundlagen doch eigentlich originärste journalistische Aufgabe sein.
Zudem richten viele Faktenchecker ihre Aufmerksamkeit weitgehend auf die AfD. Dabei sollten sie auch die dreisten Lügen eines Thomas de Maiziere oder die inhaltlichen Gründe vieler Entscheidungen anderer etablierter Politiker hinterfragen. Durch ihre Konzentration auf die AfD erlauben sie dieser Partei, sich als – angeblich zu Unrecht verfolgte – Vertreterin der Interessen „besorgter Bürger“ aufzuspielen.
Schließlich haben viele Journalisten auch die Themensetzung der AfD akzeptiert, wonach der „Massenansturm von Flüchtlingen“ und die dadurch angeblich drohende „Überfremdung“ Deutschlands das dringlichste Thema im Wahlkampf sei. Die anlasslose Massenüberwachung hingegen ist in den meisten Medien nach wie vor kein Thema, obwohl sie die Demokratie fast genauso stark gefährdet wie das Aufkeimen der rechtspopulistischen AfD.
Hinzu kommt auch noch die laufende Veröffentlichung von Umfrageergebnissen im Vorfeld von Wahlen. Damit erinnern die Berichterstatter an die verschiedenen Parteien und schreiben ihnen Chancen für einen Wahlsieg zu oder ab. Angesichts der Manipulierbarkeit solcher Umfragen sei zum Ende nur an eine Äußerung des Kabarettisten Dieter Hildebrandt über eines der bekanntesten deutschen Institute erinnert, das er in gekonnter Abwandlung des offiziellen Namens nur als „Institut für angewandte Demagogie in Allenfalls“ bezeichnete.

2 Kommentare zu “Auf Krawall gebürstet: Medien machten AfD-Aufstieg möglich

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