Berichterstattung über „Das Böse“: Apathie oder Empathie?

„Das Böse ist immer und überall“, sang vor Jahrzehnten die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ (EAV). Müssen wir uns also auch an Mord unt Terror, Hunger und Krieg gewöhnen?
Wie sollen Redaktionen mit dem – nun beinahe fast täglichen – Terror umgehen? Sind Attentate in Paris auch nach den Schüssen vom Donnerstag (20. April) auf dem Champs Elysé immer noch ein Aufreger?
Sicherlich ist die Auswahl der Themen für einen „Brennpunkt“ nach der abendlichen Tagesschau mittlerweile sehr problematisch geworden: Häufig werden Themen so „gehyped“, während andere wichtige Themen keine Berücksichtigung finden. Eigentlich müsste es täglich einen „Brennpunkt“ zum Krieg in Syrien, einen zum Hunger in Afrika und einen zur Unterdrückung von Homosexuellen in vielen Ländern überall auf der Welt geben.
Das „Böse“ übt eine magische Anziehungskraft aus auf die Menschen. Das ist eine alte Erkenntnis, der auch die journalistische Berichterstattung folgt: Mord und Totschlag stehen eher im Mittelpunkt journalistischen Interesses als Hilfsprojekte und Solidaritätsaktionen oder nachbarschaftliches Engagement für Benachteiligte.
Adolf Hitler sei „ein Faszinosum“ gewesen, hatte der einstige Bundestagspräsident Philipp Jenninger einmal gesagt. Diese Äußerung kostete ihn zu Recht sein Amt und seine weitere Karriere. Dennoch ist unbestreitbar, dass Menschen gerade auch Populisten folgen, weil sie ihrer dämonischen Magie und ihren plumpen Parolen erliegen.
Aufklärung ist deshalb erste Journalistenpflicht. Die wahrheitsgemäße Berichterstattung ist die journalistische Absage an Lügen und die Grundlage jedes Qualitätsjournalismus. Allerdings stößt auch die Vollständigkeit der Berichterstattung gelegentlich an Grenzen.
Über Suizide berichten die meisten Redaktionen nicht, um keine Trittbrettfahrer zu ähnlichen Aktionen anzuregen. Ist das aber wirklich ein tragfähiger Grund für das Totschweigen unangenehmer Wahrheiten?
Die Debatte über „Fake News“ und die Kritik an einer angeblichen „Lügenpresse“ gehen auch darauf zurück, wie Medien ihre Themen auswählen. Sorgfalt und Fingerspitzengefühl spielen hier eine sehr wichtige Rolle. Journalistische Ethik verlangt nach wahrheitsgemäßcher Berichterstattung ebenso wie nach gesellschaftlicher Verantwortung.
Kann man auf die Berichterstattung über Anschläge verzichten, weil jemand vielleicht den Börsenkurs des Fußballvereins „Borussia Dortmund“ (BfB) mit einem Sprengstoffattentat manipulieren könnte? Muss man auf die Ausstrahlung eines „Brennpunkts“ verzichten, um die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) nicht mit allzu viel Aufmerksamkeit aufzuwerten? Darf man ein Video im Fernsehen zeigen, auf dem ein Attentäter zu sehen ist?
Solche Fragen sind nicht leicht und schon gar nicht pauschal zu beantworten. Unterschiedliche Gesichtspunkte von der Empathie mit den Opfern bis hin zu Hinweisen für mögliche Trittbrettfahrer spielen bei derartigen Entscheidungen eine Rolle. Ebenso ist der Gewöhnungseffekt zu beachten, der sich bei allzu aufgeregter Berichterstattung schneller einstellen dürfte als bei einer eher ruhigen und sachlichen Darstellung von Ereignissen.
Dennoch darf Journalismus weder auf die Empathie mit den Opfern verzichten, noch seine gesellschaftliche Verantwortung leugnen. Aber wo ist der richtige Mittelweg zwischen Apathie und Empathie?
Antworten müssen die Redaktionen in der Auseinandersetzung über genau diese Gesichtspunkte finden. Quoten dürfen dabei jedoch keine Rolle spielen. Auch Erster sein sollte ein Medium besser bei der Qualität als bei der Verbreitung ungeprüfter Falschmeldungen.

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