Brutaler Voyeurismus: Mediale Gier nach Gewalt ist der Gipfel der G20-Berichterstattung

„Sex sells.“ Deswegen machen „Sex and Crime“ auch im Journalismus Quote. Die Fixierung auf „Gewalt“ prägt auch die Berichterstattung über den G20-Gipfel in Hamburg.
Vielfach berichten Medien dabei oberflächlich und parteiisch. Genauso gibt es aber auch seriöse Berichterstattung.
Parteiisch ist die Übernahme von „Prognosen“ der Polizei, die 8.000 „linke Gewalttäter“ angekündigt hat. Wie viele Gewalttäter auf Seiten der Polizei derzeit aktiv sind, erfährt man hingegen kaum.
Auch die Weigerung der Polizei, das vom Bundesverfassungsgericht (BVerfG) höchstrichterlich genehmigte Protestcamp im Stadtpark auf der Halbinsel Entenwerder zuzulassen, wurde kaum in ihrer unerhört undemokratischen Substanz verdeutlicht. Dabei beging der Einsatzleiter damit einen flagranten Rechtsbruch, obwohl die Polizei doch – auch nach ihrem eigenen Verständnis – für die „Durchsetzung von Recht und Gesetz“ zuständig ist.
Das von der Verfassung verbriefte Prinzip der Verhältnismäßigkeit spielt in der Berichterstattung über die G20-Proteste ebensowenig eine Rolle wie die massive Einschränkung der grundgesetzlich garantierten Versammlungsfreiheit nahezu in der gesamten Stadt. Berichterstatter könnten anhand der Vorgänge in Hamburg vermutlich mühelos beschreiben, wie ein Polizeistaat in Deutschland aussieht, doch beschreiben sie dergleichen lieber in Russland oder China.
Wasserwerfereinsätze auf Sitzblockaden sind unverhältnismäßig. Wer selbst einmal vom harten Strahl eines solchen Geräts geradezu geprügelt worden ist, weiß, dass so ein Wasserwerfer kein angemessenes Mittel zur Auflösung friedlicher Sitzblockaden ist.
Doch statt über solche Vorgänge oder auch Übergriffe auf Journalisten bei Ausübung ihres Berufs zu berichten, schwelgen manche Medien in voyeuristischen Gewaltphantasien. Damit schreiben sie die angekündigte Gewalt geradezu herbei, die dann notfalls möglicherweise auch mit Hilfe bereitwilliger Pseudo-Demonstranten bebildert wird.
Kein Thema hingegen ist in vielen Medien der immense Schaden, den Demokratie und Rechtsstaat durch das Vorgehen einer gewaltbereiten und wenig rechtstreuen Polizei erleiden. Wenn das Vertrauen in den Rechtsstaat erst einmal verlorengegangen ist, darf man sich über Rechtspopulisten und Wahlenthaltungen nicht wundern. Wenn selbst die Polizei zum Rechtsbrecher wird, dann kann man von keinem Bürger erwarten, dass er sich im Gegensatz dazu an Recht und Gesetz hält.
All diese Erwägungen spielen in der Berichterstattung über den G20-Gipfel aber leider kaum eine Rolle. Ebensowenig wird problematisiert, unter welchem immensen Druck die dort eingesetzten Polizeibeamten stehen. Stattdessen wird kübelweise Häme ausgegossen über eine Polizeieinheit aus Berlin, die nach einer wilden Party in Hamburgg lieber heimgeschickt wurde.
Notwendig indes wären Fragen an Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, seinen sozialdemokratischen Innensenator und den grünen Justizsenator zum rechtsbrecherischen Vorgehen der Polizei. Journalismus, der sich als „4. Gewalt“ im Staat versteht, muss Finger auf Wunden legen und Demokratie mutig einfordern. Das jedenfalls wäre ein Journalismus, der engagiert und mutig für Freiheit und Demokratie eintritt.

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